Klartext · 7. August 2026

„Nie wieder Lohnsteuer“? Der Trick, mit dem Social-Media-„Berater“ Ihre Altersvorsorge ruinieren

Ein Reel verspricht Netto-Sprünge von 5.149 € auf 6.761 € — bei gleichem Brutto, „ab 2,5k möglich“. Klingt nach einem Steuerhack, den Ihnen niemand erzählt hat. Hat Ihnen auch niemand erzählt — aus gutem Grund. Der Faktencheck dazu, Zahl für Zahl.

Kann man mit zwei Immobilien nie wieder Lohnsteuer zahlen?

Nein. Es ist keine Steuerersparnis, sondern eine Verschuldungsstrategie mit Ablaufdatum, verkauft von Leuten, die an Ihrem Kaufvertrag verdienen, nicht an Ihrer Rendite. Zwar lassen sich AfA, Zinsen und Werbungskosten aus Vermietung mit dem Lohneinkommen verrechnen. Sobald die Sonderabschreibung ausläuft und die Tilgung den Zinsanteil auffrisst, kippt die Rechnung.

„Ich sag dir: 2 Immo's und du musst nie wieder Lohnsteuer zahlen.“
Wortlaut aus einem aktuell kursierenden Reel

Vergleichsrechnung aus dem Reel: Netto ohne Immobilien 5.149 € vs. Netto mit Immobilien 6.761 €
Anonymisierter Screenshot des Original-Reels — Gesicht und Name unkenntlich gemacht. Die Zahlen selbst sind unverändert.

Die Rechnung, die im Video nicht vorkommt

Ja, der Mechanismus existiert: AfA, Zinsen und Werbungskosten aus Vermietung lassen sich mit dem Lohneinkommen verrechnen. Bei Sonderabschreibung (§ 7b Neubau, §§ 7h/7i Denkmal) und hohem Fremdkapitalanteil sieht das in Jahr eins beeindruckend aus. Was in der Grafik komplett fehlt:

01

Geliehene Steuer, keine geschenkte

Sobald die Sonderabschreibung ausläuft und die Tilgung den Zinsanteil auffrisst, kippt die Rechnung — und Sie zahlen nach, mit Zinseszins-Charme obendrauf.

02

Das Objekt ist zweitrangig

Kein Wort zu Kaufpreis, Marktmiete, Lage. Wenn der Steuereffekt das Hauptargument ist, ist das Objekt fast immer überteuert — Sie kaufen die Vertriebsprovision, nicht die Immobilie.

03

Die Anschlussfinanzierung fehlt

Höhere Zinsen nach 10–15 Jahren, Mietausfall, Leerstand — für diese Szenarien gibt es in der bunten Netto-Grafik keine einzige Zeile.

Was „ab 2,5k möglich“ konkret bedeutet

Damit das nicht bei einer Behauptung bleibt, hier eine fiktive, aber realistische Rechnung für genau diese Zielgruppe.

Fiktives Beispiel

2.500 € netto, zwei Neubauwohnungen

145.000 € je Einheit (inkl. Kaufnebenkosten), 290.000 € gesamt, 100 % fremdfinanziert, Zins 3,9 % (10 Jahre fest) + 2 % Anfangstilgung.

PositionBetrag
Monatliche Kreditrate (beide Objekte)1.426 €
Kaltmiete beide Einheiten zusammen950 €
Monatliche Deckungslücke−476 €
Anteil am Nettoeinkommen19 %

Modellrechnungen ohne Gewähr. Keine verbindlichen Angebote. Konditionen variieren je nach Bonität, Objekt und Bank. Keine Steuer- oder Rechtsberatung.

Jahr 11: Läuft die Zinsbindung aus und die Anschlussfinanzierung erfolgt zu einem realistischen Zins von 5,5 % statt 3,9 %, steigt die Rate auf rund 1.508 €. Die Deckungslücke wächst auf 558 € — über 22 % des Nettoeinkommens. Die Sonderabschreibung ist zu diesem Zeitpunkt längst ausgelaufen, der Steuervorteil liegt praktisch bei null.

Das ist die Lücke vor Instandhaltungsrücklage, Verwaltung, Leerstandsrisiko und ohne jeden Puffer für unvorhergesehene Ausgaben. Und sie trifft ausgerechnet bei niedrigerem Einkommen härter: Der Grenzsteuersatz ist geringer, der Steuerhebel wirkt schwächer — während das Kreditrisiko exakt gleich hoch bleibt. Das Verhältnis von Nutzen zu Risiko verschlechtert sich mit sinkendem Einkommen. Das Gegenteil von dem, was das Reel suggeriert.

So gehört es gerechnet

Steuerliche Verlustverrechnung ist ein legitimes Werkzeug — bei der richtigen Immobilie, mit der richtigen Reihenfolge der Prüfung. Als Verkaufsargument Nummer eins in einem 30-Sekunden-Reel ist sie ein Warnsignal, kein Geschenk.

  1. Trägt sich das Objekt ohne Steuereffekt? Wenn nicht, ist es kein Investment, sondern eine Wette auf Ihr aktuelles Grenzsteuersatz-Niveau.
  2. Wie sieht die Rechnung ab Jahr 8, 10, 15 aus — nach Auslaufen der Sonderabschreibung und bei realistischer Anschlusszins-Annahme?
  3. Wer verdient an dem Deal, und wie viel? Wenn diese Frage nicht sofort und transparent beantwortet wird, ist die Antwort meistens: zu viel, und auf Ihre Kosten.

Häufige Fragen

Kann man mit zwei Immobilien nie wieder Lohnsteuer zahlen?

Ja, der Mechanismus existiert: AfA, Zinsen und Werbungskosten aus Vermietung lassen sich mit dem Lohneinkommen verrechnen. Bei Sonderabschreibung (§ 7b Neubau, §§ 7h/7i Denkmal) und hohem Fremdkapitalanteil sieht das in Jahr eins beeindruckend aus.

Was passiert in Jahr 11, wenn die Zinsbindung ausläuft?

Jahr 11: Läuft die Zinsbindung aus und die Anschlussfinanzierung erfolgt zu einem realistischen Zins von 5,5 % statt 3,9 %, steigt die Rate auf rund 1.508 €. Die Deckungslücke wächst auf 558 € — über 22 % des Nettoeinkommens. Die Sonderabschreibung ist zu diesem Zeitpunkt längst ausgelaufen, der Steuervorteil liegt praktisch bei null.

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